Was man über das Pfeil- zu Bogentuning wissen sollte

Vorwort: Die Gabriel-Methode zur Pfeilabstimmung,im englischsprachigen Raum auch „Walk-back“-Methode genannt, existiert seit 1983 in unveränderter Form und konnte seitdem nicht verbessert werden.. Gelegentlich hört man von einem „Berger-Test“ sprechen. Liebe Bogenschützen, es gibt keinen Berger-Test, denn Vic Berger, der geniale Erfinder der gefederten Pfeilanlage, des Berger-Buttons, hat sich nie in seinem Leben mit einer Methodik zur Pfeilabstimmung beschäftigt. Diese Bezeichnung stammt wohl von einer Handvoll Möchtegerntrainern, die glauben, man könne die Eigenschaften eines Pfeils, d.h. Steifigkeit, Gewicht und Länge, durch Drehen am Button verändern. Glauben ist nicht dasselbe wie Wissen.

Doch nun zu unserem Thema:

Was hat das Stimmen einer Geige mit dem Können des Spielers zu tun? Die Antwort lautet: Nichts!

Dennoch ist das richtige Stimmen eine unerlässliche Voraussetzung für jeden Geiger, gleich ob Anfänger oder Virtuose. Kein Anfänger wird jemals einen zufriedenstellende Leistungsstand auf einer verstimmten Geige erreichen, während ihm ein perfekt gestimmtes Instrument erst ermöglicht, sein Können zu entwickeln und zu verbessern. Andererseits verliert ein Virtuose stetig an Spielpräzision und Können, wenn er über einen längeren Zeitraum auf einem verstimmten Instrument spielen muss.

Gleiches gilt für das Abstimmen der Einheit, die aus dem Pfeil und dem  Bogen besteht. Eine perfekte Abstimmung versetzt einen Anfänger erst in die Lage, seinen Schießstil zu entwickeln und zu verbessern, während eine falsche Abstimmung auf lange Sicht unvermeidlich die Präzision und den fließenden Bewegungsablauf sogar eines Top-Bogenschützen zerstört.

Seien Sie sicher, dass die Pfeil-und-Bogen-Abstimmung nichts mit den Grundanforderungen zu tun hat, die ein Bogen erfüllen sollte, wie z.B. die korrekte Fluchtung der Wurfarme mit dem Mittelteil oder die Spannhöhe oder die Strangzahl der Sehne und dergleichen gemäß den Angaben des Bogenherstellers.

Wohlverstanden stellen Bogen und Pfeil eine Einheit dar, die aus zwei Komponenten besteht, die harmonisch zusammen wirken und nicht gegeneinander arbeiten sollten. Unter einem perfekt abgestimmten Pfeil ist derjenige zu verstehen, der die Bogensehne in einem Anstellwinkel von null Grad verlässt, d.h. auf der Linie, die genau zur Mitte der Scheibe  zeigt. Diese Bedingung kann entweder durch zeitraubendes Probieren mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Spinewerten, Spitzengewichten und Schaftlängen oder aber durch sinnvolle Anwendung bewährter Methoden zum Abstimmen von Pfeilschäften verwirklicht  werden, die aus den vorhandenen Pfeiltabellen grob ausgewählt werden können.

Befiederte Pfeile, die die Sehne in einem gewissen horizontalen Anstellwinkel entweder nach rechts (steifer Schaft rechtshändig geschossen) oder nach links (weicher Schaft rechtshändig geschossen) verlassen, schwänzeln in der waagerechten Ebene, umso stärker je größer der Winkelfehler war.

Auf die gleiche Weise wird ein Pfeil, der die Sehne in einem vertikalen Anstellwinkel nach oben oder unten verlässt (verursacht durch falsche Nockpunkthöhe), in der vertikalen Ebene schwänzeln bzw. Delphinbewegungen vollführen.

Diese beiden Arten von Winkelabweichungen können sichtbar gemacht werden, indem man die Flugbahn eines Blankschafts aufzeichnet, der auf die gleiche  Schwerpunktlage wie die eines identischen, aber befiederten Pfeils eingestellt wurde. Bei einem horizontalen Anstellwinkel schwänzelt ein unpassender Blankschaft nicht, sondern er beschreibt eine Flugbahn, die entweder nach links gekrümmt ist, wenn er zu ‚steif‘ ist, oder nach rechts, wenn er zu ‚weich‘ ist.

Eine falsche Nockpunkthöhe zwingt einen Blankschaft in eine nach oben gekrümmte Flugbahn, wenn der Nockpunkt zu tief sitzt, und/oder in eine nach unten gekrümmte Flugbahn, wenn er zu hoch sitzt.

Je kürzer die Entfernung ist, in der ein Blankschaft den etwa 6 Zoll breiten Toleranzbereich zwischen den beiden Toleranzlinien nach rechts oder links und/oder nach oben oder unten verlässt, desto größer war der Anstellwinkel beim Abschuss. Von  perfekter Abstimmung spricht man bei einer geraden Flugbahn des Blankschafts über die ersten 25 bis 30 Meter.

Die Vorgehensweise und das Setup für das Testen und Tunen nach wissenschaftlichen Regeln sind in der Broschüre „Pfeilflug wie auf Schienen“ von Gerhard Gabriel beschrieben.

Anmerkung: Die Aussagekraft der Testergebnisse hängt in keiner Weise davon ab, ob der Tester Anfänger, Topschützen, Enkel oder Opa ist.

Was vielen Bogenschützen und sogar Bogentrainern heute noch unbekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass die Auszuglänge keinerlei Einfluss auf den Abstimmungsgrad einer Pfeil- und Bogeneinheit hat. Tatsächlich fliegt ein perfekt abgestimmter Blankschaft immer gerade, gleich ob er bei vollem oder halbem Auszug oder irgendeinem anderen Bruchteil davon geschossen wird, solange die physikalischen Daten der Pfeil- und Bogeneinheit unverändert bleiben.

Die Einordnung „steif“ oder „weich“ hängt nicht nur vom Spinewert eines Schafts ab, sondern in etwa gleichem Maße auch von seinem Gewicht und seiner Schwerpunklänge (Länge vom Nockboden bis zum Schwerpunkt):

a) Höhere Spinewerte: weicherer Schaft

b) Höheres Gewicht: weicherer Schaft

c) Größere Schwerpunktslänge: weicherer Schaft.

Wir erinnern uns, dass die Verwendung einer schwereren Spitze einen  Schaft weicher werden lässt, weil dadurch die Schwerpunktlänge erhöht wird.

Und jeweils umgekehrt.

Beispielsweise ist ein 1818er Aluminiumschaft, obwohl er statisch steifer ist, aufgrund seines höheren Gewichts dynamisch weicher als etwa ein 1814 er.

Was steckt nun hinter dem großen Geheimnis des Pfeil- und Bogen-Tunings?

Nur eine simple kleine Formel:

tlPfeil=taBogen

wobei:         tlPfeil = Eigenschwingungsdauer des Pfeils
und:             taBogen= Dauer der Beschleunigung durch den Bogen 

Dies bedeutet, dass die Zeit, die der Pfeil benötigt, um die erste Eigenschwingung zu beenden, gleich der Zeit sein muss, die der Bogen benötigt, um den Pfeil auf die Startgeschwindigkeit zu beschleunigen.

Wenn diese beiden Vorgänge, die ja gleichzeitig beginnen, auch gleichzeitig enden, stimmt die Startrichtung des Pfeils beim Ausnocken mit der Richtung überein, die er während des Zielvorgangs vor dem Lösen hatte, d h. er zeigt wieder genau zur Scheibenmitte.

Aus diesem Grund sprechen wir vom Pfeil-zu-Bogen-Tuning.

Weitere Fragen? Bitte rufen Sie +49 (0) 9932 3523 an.

Von Gerhard Gabriel

Im November 2019