Die Sache mit den Stabilisatoren

 

Wie war das denn eigentlich mit den Stabilisatoren?

Es ist noch nicht lange her, dass wohlmeinende Hersteller immer dickere und längere Stabilisatoren auf den Markt brachten. Sie dachten offensichtlich, dass möglichst starre und möglichst starr mit dem Bogen verbundene Stabilisatoren mit ihrer Massenträgheit den Bogen und somit das Visier beim Zielen ruhig halten und Fehler beim Lösen kompensieren könnten und somit die Eigenstreuung des Bogensystems verringern könnten. In Wahrheit ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die Massenträgheit beginnt jedoch erst ab einem Gesamtgewicht des Bogens von etwa 5 Kilogramm, sich positiv auszuwirken. Dass damit aber niemand mehr Bogenschießen könnte, liegt wohl auf der Hand. Darüber hinaus führt zunehmende Massenträgheit des Bogens zur Verschleierung von persönlichen Fehlern und somit längerfristig zur Verschlechterung der Schießtechnik und des Schießergebnisses. Andererseits wird durch die starre Verbindung die Schwingungsfähigkeit des gespannten Bogens sogar noch erhöht, und je dicker die Stabis sind, umso größer wird ihre Seitenwindanfälligkeit.

Nun, wohlmeinend ist wohl nicht immer auch sachkundig.

Wichtig zu wissen wäre, dass die Gesamtstreuung d.h. die Grundlage für die erzielbaren Ringzahlen sich aus der persönlichen und der materialbedingten Streuung zusammensetzt.
Die persönliche Streuung hängt ausschließlich von der Qualität des Zielens und des Lösevorgangs ab, während die materialbedingte Streuung von der Abstimmung des Pfeils zum Bogen sowie von der Einstellung und der Eignung des gesamten Bogens abhängt.

Wir sehen hier schon, dass das Thema Stabilisatoren im Bereich der persönlichen Streuung angesiedelt ist. Es wäre ja kindlich zu glauben, dass Stabilisatoren, und seien sie noch so attraktiv, eine geschossene Acht in eine Zehn verwandeln könnten.

Es gibt somit einige Gründe, aus denen die Sache nicht so einfach ist.

Zum einen sorgt die starre Verbindung zwischen Stabi und Bogen dafür, dass Zitterbewegungen, die durch die Bogenhand in den Bogen eingeleitet werden, vom Bogen und den Stabi ungebremst übernommen und in Schwingungen umgesetzt werden, die den Zielvorgang enorm erschweren.

Daran ändert auch ein am vorderen Ende des Stabis angebrachter noch so toll aussehender Schwingungsdämpfer so gut wie nichts, da das hintere Ende des Stabis zusammen mit dem Bogen nach wie vor frei schwingen kann.

Wichtig ist, dass Schwingungsdämpfer immer so nahe wie möglich an der Schwingungsquelle sitzen müssen, um eingeleitete Schwingungen wirksam unterdrücken zu können. Zum Beispiel werden ja beim Automobil die Stoßdämpfer, die eigentlich Schwingungsdämpfer heißen sollten, auch nahe an der Schwingungsquelle nämlich den Radachsen und nicht am Ende einer langen Stange auf dem Dach montiert.

Was ist die Aufgabe der Stabilisatoren? 

Sie sollen das Bogenmittelteil und somit das Visier während des Zielens möglichst ruhig halten, damit der Schütze den Schussablauf mit Druck- und Zug zügig und ohne Beeinträchtigung durch Zitterbewegungen ausführen kann. Wichtig ist die Unterdrückung von Zitterbewegungen, weil dadurch auch das Auffassen des Ziels sehr viel schneller erfolgen kann.

Hochgeschwindigkeitsvideos von Werner Beiter haben z.B. gezeigt, dass das Bogenmittelteil im Zeitraum zwischen dem Lösen der Sehne und dem Ausnocken des Pfeils auf Grund seiner Massenträgheit auch ohne jegliche Stabilisatoren ohnehin völlig bewegungslos stehen bleibt.
Was danach geschieht, ist für den Erfolg des Schusses ohne Belang, es sei denn es gäbe Hinweise auf  persönliche Fehler vor dem oder beim Lösen.

Zum anderen wächst der Seitenwinddruck auf den Stabi, je dicker und länger dieser wird. Dies bedeutet für den Schützen, dass er zusätzlich sehr viel Kraft aufwenden muss, um den Bogen gegen den Seitenwind zu halten. Völlig unnötige Belastung für jeden Bogenschützen! Welcher ambitionierte Turnierschütze könnte davon kein Lied singen?

Diese Situation gab für uns den Startschuss zum Handeln.

- Die enorme Empfindlichkeit auf Seitenwinde konnte durch den Einsatz von dünneren Stabilisatoren weitgehend eliminiert werden.

- Das ungebremste Zittern des Bogens und somit auch des Visiers beim Zielen konnte durch den Einsatz einer effektiven Schwingungsdämpfung direkt zwischen dem hinteren Ende des Stabis und dem Bogen weitgehend „ausgebremst“ werden.  

Diese neuen Erkenntnisse wurden zwar in deutschen Bogensportkreisen kaum wahrgenommen, erregten aber bei einigen Herstellern im Ausland spontanes Interesse. Wie auf Kommando erschienen auf dem internationalen Markt die neuen schlanken Stabis mit Durchmessern von 12,7 bzw. 15 mm Außendurchmesser. Jetzt erst sprach sich diese Neuigkeit auch bei deutschen Trainern, Übungsleitern und Bogenhändlern herum. Unser eigenes Wissen kam auf dem Umweg über das Ausland wieder zu uns zurück.