Brandneues


Guter Stabi - böser Stabi
und ihr geheimnisvolles Eigenleben

Von Gerhard Gabriel

Wir haben uns schon so an die Bezeichnung ‚Stabilisator‘ oder salopp ‚Stabi‘ gewöhnt, dass uns gar nicht mehr so recht bewusst ist, was eigentlich stabilisiert werden soll. In Werbepräsentationen für Stabis wird gern gezeigt, wie toll das Produkt den Abschussschock, das heißt die seitlichen Bewegungen der Wurfarme reduziert und wie schnell es den gesamten Bogens nach dem Schuss beruhigt.

Doch leider hat eine noch so gute Dämpfung der Nachschwingungen oder eine noch so gute Dämpfung der Abschussgeräusche keinerlei Einfluss auf die Treffgenauigkeit des Pfeils. Einige der sehr wertvollen Hochgeschwindigkeitsvideos von Werner Beiter über den Abschussvorgang zeigen eindeutig und unwiderlegbar, dass in dem Augenblick, in dem das Mittelteil und der Stabi sich zu bewegen beginnen, der Pfeil bereits die Sehne und somit den Bogen verlassen und sich jeglicher nachträglicher Beeinflussung entzogen hat. Er nimmt ab da nur noch das gute oder nicht so gute Zielen und Lösen seines Herrn oder seiner Herrin mit auf die Reise.
Eben so wenig kann auch das beste Stabisystem der Welt aus einem unsauber geschossenen Pfeil noch eine Zehn machen.

Die wahre Baustelle liegt woanders, nämlich beim Ruhighalten des gesamten Pakets bestehend aus dem Schützen und dem Bogen während des Zielvorgangs. Hier kann ein Stabisystem dem Schützen entscheidend helfen – oder schaden. Hier zeigt sich, ob ein Stabisystem gut oder schlecht ist. Ein gutes Stabisystem ist in der Lage, die vom Muskeltremor des Schützen in den Bogen eingebrachten Zitterschwingungen zu unterdrücken und den Bogen ruhig zu halten, während ein schlechtes Stabisystem die Schwingungen des Bogens durch eigenes „Aufschaukeln“ sogar noch verstärkt.

Wir wissen, dass ein nicht krankheitsbedingter Muskeltremor bei jüngeren gut trainierten Bogenschützen nicht oder erst nach längerer Haltezeit an der Maximalkraftgrenze auftritt, während er sich bei Personen vorgerückten Alters und mit suboptimalem Trainingszustand wesentlich früher einzustellen und entsprechend heftiger auszufallen pflegt. Weitere Ursachen können Aufregung, mangelnde Kraftausdauer, Erschöpfung oder unzweckmäßige Schießtechnik sein
Dies gilt nicht nur in Bezug auf die Bogenzugkraft, sondern auch auf das Gewicht des Bogens und der Stabis unter dem Einfluss der Erdanziehungskraft.
Ein zu hohes Gesamtgewicht führt zwangsläufig zur typischen „hohen Bogenschulter“ und zum graduellen Verlust der feinsensorischen Korrekturfähigkeit des Nerv-Muskel-Systems.

Ein Schütze, der sich von dem „wilden Tanz“ seines Stabis und somit auch seines Visierkorns verunsichern lässt, wird Schwierigkeiten haben, seinen Pfeil zügig durch den Klicker zu ziehen und dann noch glatt zu lösen. Mehr noch, Unsicherheit und Versagensangst werden sein Nerv-Muskel-Feingefühl blockieren und den Erfolg des Schusses grausam zu Nichte machen.

Gerhard Gabriel hat sich dieser Frage angenommen und eine Versuchsanordnung entwickelt, mit der sich die wirklichen Bewegungen des Visierkorns während des Zielvorgangs im Vollauszug abbilden lassen.
Zu diesem Zweck montierte er einen leistungsfähigen Laserpointer an die Visiervorbauschiene und konnte damit die Bewegungen des Visierkorns während des Zielvorgangs abbilden und aufzeichnen.

Getestet wurden ein auf dem Markt sehr präsentes ungedämpftes Stabisystem (Test a.) sowie das ungedämpfte Stabisystem Wizard Solo (Test b.) und das voll gedämpfte System Wizard Intergral (Test c.) von Gabriel Bogensport.
Aufgenommen wurde jeweils das Bewegungsmuster des Visierpunktes über einen Haltezeitraum von 6 Sekunden (jeweils linkes Bild) sowie über einen Zielzeitraum von 1 Sekunde (rechtes Bild), letzteres zur Abschätzung der auftretenden Schwingungsfrequnz in Hertz (Hz).

Test a.:
Ungedämpftes Stabisystem

 

 

 

 

 

 

           

 

   

                       Haltezeit: 6 Sekunden                                           Haltezeit: 1 Sekunde, Frequenz ca. 6 Hz

Hier ist zu sehen, dass die vom Muskeltremor in das Bogenmittelteil eingetragenen Schwingungen den ungedämpften Stabilisator zu Eigenschwingungen anregen. Da im untersuchten Fall die Frequenzen des Muskeltremors sehr nah der Eigenschwingungsfrequenz des Stabilisators liegt, schaukelt sich dieser auf und leitet die verstärkten Schwingungen in das Mittelteil zurück, das sich nun noch stärker als vorher bewegt. Diese Bewegungen werden nun von dem an der Visiervorbauschiene befestigten Laserpointer auf der Zielscheibe sichtbar gemacht.
Es ist keine Frage, dass auch das vordere Ende des Pfeils diese Bewegungen mitmacht. Typischerweise liegt die Hauptrichtung dieser Schwingungen in der horizontalen Ebene.


Test b:
Ungedämpftes Stabisystem Wizard Solo

                Haltezeit: 6 Sekunden                                              Haltezeit: 1 Sekunde, Frequenz ca. 3 Hz

Hier zeigt sich eine deutlich geringere Schwingungsbereitschaft des Stabisystems. Dies ist auf die besondere Bauweise der Stabis zurückzuführen, die aus massiven Kohlefaserstäben bestehen und daher über wesentlich mehr innere Dämpfung verfügen als hohle Karbonfaserrohre. Dennoch bleibt eine wenngleich geringe Restneigung zu Horizontalschwingungen übrig. Die Eigenfrequenz von etwa 3 Hertz liegt auch schon erkennbar unter der Erregerfrequenz des Muskeltremors von etwa 6 Hz.


Test c:
Voll gedämpftes Stabisystem Wizard Integral, keine erkennbare Horizontalschwingung

 

 

 

 

 

 

 

                         

         

                            Haltezeit: 6 Sekunden                                                         Haltezeit: 1 Sekunde,

Hier fällt auf, dass die horizontalen Eigenschwingungsanteile der Stabilisatoren so gut wie vollständig ausgelöscht wurden. Interessant ist, dass die verbleibenden Bewegungen des Lichtpunktes keinerlei Vorzugsrichtung aufweisen, was bedeutet, dass keine elastischen Schwingungen mehr im Spiel sind. Auch die 1-Sekundeen-Aufnahme ergab keinen Hinweis auf die Existenz einer Eigenschwingung. Das Bewegungsmuster des Lichtpunktes bildet lediglich die Zielkorrekturbewegungen des Bogenschützen ab, die bekanntlich durch systematisches Training noch optimiert werden können.

Fazit des Autors:
Die Hauptanforderung an ein optimal wirkendes, sprich gutes Stabilisationssystem ist ohne jeden Zweifel, dem Schützen ein ruhiges, kraftsparendes und stressfreies Zielen zu ermöglichen.
Ein zitterfreier Zielvorgang öffnet dem Schützen die Tür zur Entwicklung und Verbesserung seiner Schießtechnik und eliminiert auf längere Sicht das Phänomen der „Notschüsse“, wenn sich nach zu langer Haltezeit die Kraftreserven erschöpft haben. Wie die Tests gezeigt haben, ist dies für das voll gedämpfte Wizard Integral System, etwas salopp ausgedrückt, „eine der leichtesten Übungen“.
Auch die fälschlicherweise allgemein für wichtig gehaltenen „Abschussdämpfung“, die für den Erfolg des Schusses, wie wir wissen, völlig belanglos ist, und bestenfalls psychologisch beruhigend auf den Schützen wirken kann, stellt für das Wizard Integral System keine Herausforderung sondern einen selbstverständlichen positiven Nebeneffekt dar.
Nur einen Fehler darf der kluge Bogenschütze nie begehen, nämlich zu lange zu zielen, nur weil das Erlebnis, ohne Zittern zielen zu können, so schön ist. Er sollte immer bedenken, dass seine Kraftreserven auch ohne Zittern nicht größer werden.